April 1982

Verkauf der Raffinerie in Belgien

Marquard & Bahls hat die erst im Herbst 1979 erworbene Raffinerie zum 1. März 1982 an eine Schweizer Gruppe verkauft und einen Verlust von 190 Mio. DM hinnehmen müssen. Angesichts der Veränderungen an den Ölmärkten, vor allem aufgrund von Vertragsauseinandersetzungen mit der belgischen Regierung, hat Marquard & Bahls mit der Raffinerie finanzielle Einbußen gehabt. Hintergrund des Rechtsstreits mit den Belgiern ist ein Vertrag der staatlichen belgischen Gesellschaft Distrigaz mit Marquard & Bahls über die Verarbeitung von 0,5 Mio. Jahrestonnen Rohöl in der Raffinerie Albatros. Dabei hat sich die belgische Regierung verpflichtet, die anfallenden Produkte abzunehmen. Durch den Preisverfall von Rohöl von 40 $ auf 30 $ pro Barrel wird dieser Vertrag für Marquard & Bahls immer teurer, insbesondere als die belgische Regierung ihrer Abnahmeverpflichtung nicht nachkommt und die Produktenpreise am Markt weiter fallen. Weiter verpflichtet der Vertrag Marquard & Bahls, das erhaltene Rohöl nur innerhalb von Belgien zu verarbeiten. Marquard & Bahls klagt infolgedessen gegen die belgische Regierung.

Ohne Zweifel ist dieser Ausflug in das Raffineriegeschäft teuer gewesen. Unüberlegt war der Kauf jedoch nicht. Nach dem guten Gewinnjahr 1979 und der sehr steuersparenden „Operation Stumm“ hatte man mit dem Erwerb von Albatros die große Chance, das Handelshaus Marquard & Bahls auf eine ganz andere Ebene zu heben. Die Möglichkeit, im eigenen Unternehmen direkt vor der Haustür der Rheinschiene Rohöl verarbeiten zu können, hätte das Unternehmen erheblich potenziert.

Nicht alle Neuentwicklungen und Wagnisse können aufgehen – sie müssen aber vom Risiko her für das Unternehmen tragbar sein. Wie bei allen Risikoentscheidungen im Unternehmen hat man auch bei Albatros nicht nur den potenziellen Gewinn errechnet, sondern auch das Risiko des Scheiterns. Der maximale Verlust, den Marquard & Bahls aus Albatros erleiden kann, wird im Vorwege kalkuliert und als für das Unternehmen tragbar beurteilt. Als man dann auf diese Verlustzahl zuzusteuern droht, zieht das Unternehmen sich konsequent aus der Raffinerie zurück.

Im Nachhinein ist klar, dass man den „Raffinerieausflug“ lieber hätte lassen sollen – aber dieses Wissen steht den Entscheidungsträgern damals nicht zur Verfügung. Wichtig ist, dass der Rest der Gruppe in seiner Entwicklung durch den Ausflug Albatros finanziell und entwicklungsmäßig nicht berührt wird.